Stille Welt - Pressespiegel


SZ vom 6. 12. 2002, Seite 13

Wasser im Mund

Italienische Stillleben - in der Hypo-Kunsthalle München werden sie zum sinnlichen Ereignis

Die Maler im alten Griechenland haben gerne damit geprahlt, dass ihre Wandbilder von Vögeln heimgesucht werden, die sich die illusionistisch stupend gemalten Früchte von der Wand picken wollen. Auch der pompejianische Maler, der in Herkulaneum Früchte, hauchdünne Gläser, halbvolle Flaschen und Schinkenstücke in appetitlichster Direktheit in die malerisch suggerierten Nischen der Wand hineingezaubert hat, dürfte den Spruch gekannt haben, denn er versucht seine künstlerischen Vorfahren zu übertreffen: Er malt die Vögel, die zum Picken kommen, gleich mit hinein in seine verblüffenden dreidimensionalen Speisen- und Getränke-Suggestionen.

Das Genre des Stilllebens, der „Natura morta", hat also - die Ausstellung „Stille Welt"zeigt es - schon in der Antike kunstsinnige Villenbesitzer verzückt. Und von den Blumen- und Früchtegebinden der Antike, die in der Renaissance erstmals nachgeformt wurden, lernten die Maler Italiens denn auch Vieles über die schlummernde Magie der Alltagsdinge. Dennoch hat es noch wichtiger Anregungen aus dem Norden bedurft, bis sich das Stillleben in Italien als souveräne Kunstgattung etablieren konnte.

In der großartig bestückten Überblicksschau der Hypo-Kunsthalle in München - es ist weltweit die erste Ausstellung, die den außergewöhnlichen Rang der italienischen Stilleben-Malerei beweisen kann - ist Dürers sensationelles Aquarell eines Hummers (1495) zu sehen: Dieses Wunderwerk der zeichnerischen Vergegenwärtigung, das auch als Pionierstück wissenschaftlicher Bestandsaufnahmen gefeiert werden kann, sowie einige schöne Musterblätter aus botanischen Sammelwerken Italiens geben eine Ahnung davon, wie die Gegenstände der Natur im Lauf des 16. Jahrhunderts über die wissenschaftliche Neugier ins Herz der Kunst vorrücken konnten.

Die ersten großen italienischen Stilleben waren noch ganz den Gattungen Marktszene und Küchenstück verpflichtet, die von den Niederländern Aertsen und Beuckelaer entwickelt worden waren. Doch zur gleichen Zeit machte sich der Mailänder Giuseppe Arcimboldi auf nach Wien und Prag, um seine aus Früchten, Blumen oder Fischen zusammmengesetzten allegorisch-phantastischen Menschenköpfe am Kaiserhof, im Zentrum der Macht und des Manierismus, als Wunderwerke zu postieren. Zwei der herrlich drastischen Natur-Grotesken von Arcimboldi sind nun in München zu sehen: Das aus Früchten zusammengesteckte, prall vitale Bildnis Rudolfs II. als Vertumnus verklärt den apfelbäckigen, traubenäugigen Kaiser zum Gott des Wachstums und der ewigen kreativen Erneuerung - ein Monarch zum Anbeißen und Schmunzeln. Ganz auf den drastischen Überraschungseffekt ist der „Gemüsehändler" abgestimmt: Man sieht einen Blechnapf, der mit Gemüse vollgestopft ist; doch wenn man das Bild auf den Kopf stellt - in der Ausstellung hängt es natürlich so -, dann grinst ein monströs aufgedunsenes Mannsgesicht mit Rettichnase, Haselnussaugen, Pilzlippen und Zwiebelbacken fast erschreckend direkt unter einem blechernen Topfhut hervor.

In der Umgebung Arcimboldis in Mailand hat denn auch das eigentliche Wunder der italienischen Stilleben-Malerei seinen Anfang genommen. Hier hat Caravaggio seine revolutionären Entdeckungen über die Physis der irdischen Dinge und die Erscheinungsformen des Lichts gemacht, und hier hat er ein paar sprechende Naturdetails so handgreiflich suggestiv in in seine Bilder eingebaut, dass eine ganze Generation von Malern ihn nachzuahmen versuchte und dabei fast beiläufig das Genre des Stilllebens in Italien etablierte. Den geradezu himmlisch gemalten „Früchtekorb" Caravaggios aus der Ambrosiana hat die Kunsthalle zwar nicht bekommen; doch mit dem kongenialen Gegenstück, dem „Jüngling mit Früchtekorb" aus der Galleria Borghese, kann das Haus von Januar an prunken.

Kreisender Mikrokosmos

Wir halten uns an die beiden Bilder Caravaggios, die schon jetzt die Magie des Dinglichen in der Ausstellung zum Erlebnis machen. Der engelhaft geschlechtslose Körper des jugendlichen „Lautenspielers" wächst als Lichterscheinung suggestiv aus dem Dunkel heraus; seine perspektivisch kühn verkürzte Laute reißt noch einmal zusätzliche Tiefendimensionen auf; die Noten, die Violine und der Geigenbogen auf dem Marmortisch im Vordergrund gewinnen im eindringenden Licht eine handgreifliche Präsenz; die Licht-Schatten- Erscheinungen im Bauch der gläsernen Vase aber formieren sich zu einem kreisenden Mikrokosmos, der mit den perspektivisch exakten Ordnungen der umgebenden Realität lebendig kommuniziert.

Mit den illusionistischen Mitteln, die Caravaggio fast beiläufig entwickelt hat, haben ein paar namentlich nicht bekannte Virtuosen des aufblühenden Genres kongenial gewuchert. Der „Meister des Stilllebens von Hartford" etwa - das legendäre Stück, dem er seinen Namen verdankt, ist aus den USA herübergekommen - hat das Früchtestillleben zum Preisgesang überhöht: Seine großformatigen Inszenierungen von Obst und Gemüse auf gestuften Podien wirken wie Altäre für die Gaben der Natur; das sind gemalte Erntedankfesttafeln, die einen weltlichen Jubel anstimmen, nicht, wie die entsprechenden Ding-Beschwörungen im protestantischen Norden, das Lied der Vergänglichkeit singen. Wie direkt die italienischen Auftraggeber die Stillleben als Ersatz für Sinnliches, als eine bildnerische Form der Vorratshaltung für fruchtarme Jahreszeiten verstanden haben, zeigen die riesigen Ansammlungen gleicher Fruchttypen, die Bartolomeo Bimbi für die Medici malen musste: Er bekam Zitrusfrüchte oder Kirschen aller nur denkbaren Sorten aus den fürstlichen Gärten in seine Werkstatt geliefert, musste die gewachsenen Prunkstücke aber, nachdem er sie porträtiert hatte, abgezählt wieder zurückgeben.

Als das Stillleben im 17. Jahrhundert etabliert war, haben sich die Maler rasch auf bestimmte Motivgruppen spezialisiert. So hat sich etwa der Neapolitaner Paolo Porpora ins modrige Unterholz hinabbegeben und Geschöpfe des feuchten Elements zwischen Laubschichten um ragende Pilze kämpfen lassen...Der Bergamaske Evaristo Baschenis hat mit organisch gebauchten Streich- und Zupfinstrumenten und kunstvoll geflochtenen Spanschachteln - sie verkörpern zusammen alle nur denkbaren Komplikationen der Perspektive - Pyramiden von höchster atmosphärischer Vollkommenheit geformt und so den Instrumentenbauern der Lombardei leuchtende Denkmäler errichtet.

Die meisten italienischen Stillleben wollen aber einfach nur Appetitanreger sein; sie lassen das Wasser im Mund der Betrachter so gründlich zusammenlaufen, dass man die Hypo-Ausstellung für eine Initiative des hauseigenen Cafés halten könnte. Frisch geöffnete Austern, die feucht ins Licht blinzeln, Steinpilze in allen Größenordnungen, Bauchspeck, der den Duft des Kamins mit sich trägt, Hartkäse, der wie eine verwitterte Felswand emporragt, Weine in funkelnden Gläsern, zart bepelzte Pflaumen, obszön klaffende Feigen und Kürbisse - erst wenn man einen ganzen Schwarm von Singvögeln hingestreckt auf einer Schale liegen sieht, geht man innerlich auf Distanz zu den gemalten Trophäen. Den Blumenstillleben, die meist übermäßig bunt und üppig daherkommen, kann man als Opfer der floristischen Industrie ohnehin nur noch mäßigen Reiz abgewinnen.

Dennoch wird die Ausstellung, die auch als kunstwissenschaftliche Pioniertat gefeiert werden kann, zum sinnlichen Ereignis: Wenn das Wort „Augenschmaus" jemals einen Sinn gehabt hat, dann hier.

GOTTFRIED KNAPP

Bis 23. Februar. Der fabelhaft ergiebige Katalog kostet 35 Euro.

SZ vom 6. 12. 2002, Seite 13